Velvyslanec

Arndt Freytag von Loringhoven
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Das Palais Lobkowicz in Prag

Ein Ort deutscher Geschichte

von Dr. Harald Salfellner

Zur Geschichte des Palais Lobkowicz
(Lobkovický palác)

Vlašská 19 (347-III)
Praha 1 – Malá strana

Wer in der Historie des Lobkowicz-Palastes stöbert, wird wenig Aufregendes und kaum Spektakuläres zu berichten finden. Nichts in der Geschichte des Palastes deutete darauf hin, daß er dereinst, anno 1989, in allen Postillen Europas Beachtung und Erwähnung finden würde. Die Entwicklung und das Dasein scheinen dem Ort zu entsprechen, an dem erst diverse Vorgängerbauten und schließlich der Palast selbst errichtet wurden – einem abseits des lauten Prager Treibens gelegenen Platz am Fuße des nördlichen Hanges des sogenannten Laurenziberges (Petøín).
Im Mittelalter stand anstelle des heutigen Palais Lobkowicz ein Gebäude, das zum Besitz des Klosters Strahov gehörte. In einem Urbarium aus dem Jahr 1410 ist ein Mälzer Petrovic, ein Kleinseitner Bürger, genannt, der dieses Gebäude als Brauhaus gemietet oder wohl eher gepachtet hatte. Schon damals dürften zu dem Gebäude Weinberge gehört haben, die sich oberhalb desselben erstreckten.
Die Archivalien geben nur spärlich Auskunft über diese Zeit, immerhin nennen sie einen gewissen Jan Tomiš, in dessen Besitz das Gebäude sich um 1503 befand. Einem weiteren Aktenvermerk zufolge vermachte Anna Tomiš, vermutlich die Frau des obengenannten Jan, das Brauhaus mitsamt den Weinbergen ihrer Tochter Johanna und deren Ehegemahl Veit Kuneš. 1554 beanspruchte ihr Sohn Jakob Skála und dessen Frau Dorothea den Besitz – seit damals trug das Anwesen ihren Namen. Die Tochter Katharina übernahm den Besitz und vererbte ihn weiter an ihre Tochter, die einen gewissen Meister Bartholomäus Havlik geheiratet hatte. Leider sind uns nur die Namen der Eigentümer überliefert, vom Schicksal dieser bürgerlichen Hausbesitzer wissen wir nichts. Ihre Erben verkauften im Jahr 1616 den Skála-Hof für 600 Schock Meißner Groschen an einen Maurer mit dem klingenden Namen Thomas Trampolin, allerdings geriet dieser wenige Jahre später in Streit mit dem Abt von Strahov. Unglücklicherweise konnte er den Titel seines Besitzes nicht ausreichend belegen, so daß man ihn aufforderte, die Schlüssel der Stube, der Kammer und auch des Kellers abzugeben. Der Konflikt ist in seinen Einzelheiten nicht mehr nachvollziehbar, allerdings muß der Maurer Trampolin wohl eingesehen haben, daß er und seine Familie am kürzeren Hebel saßen, und so unterwarf er sich der Strahover Jurisdiktion. Das Haus wurde ihm nun zwar in die Strahover Bücher eingetragen, allerdings hatte er einen jährlichen Zins von 4 Schock Meißner Groschen sowie ein Pfund Pfeffer und andere Naturalien zu bezahlen.
Die Erben dieses wackeren Maurermeisters verkauften den Besitz, den man zu diesem Zeitpunkt bereits umgebaut und den Namen „Zu den drei Musketieren“ gegeben hatte, im Jahr 1627 weiter. Als neue Eigentümer tauchen der Richter der Strahover Jurisdiktion Phillip Bamberg (auch Tannenberg) und seine Frau Margarethe auf. Der hohe Kaufpreis von 1200 Gulden läßt jedenfalls auf eine beträchtliche Wertsteigerung schließen, die wahrscheinlich auf die Umbauten des Thomas Trampolin zurückzuführen sind.
Als 1671 die Strahover Gerechtsame (Jurisdiktion) über die Häuser der Wälschen Gasse aufgehoben wurde, nahm man das Haus, das sich im Besitz der Witwe Tannenberg befand, in die städtischen Bücher auf. Einige Jahre später erscheint mit Franz Tyral ein neuer Eigentümer in den Verzeichnissen. Tyral erwarb das Haus für 1258 Gulden, doch auch er und seine Erben konnten sich nicht lange des Hauses „Zu den drei Musketieren“ erfreuen. In den 90er Jahren des 17. Jahrhunderts ging das Gebäude, das ein wenig abseits von der Baufläche des heutigen Palais stand und in den Verlauf der Wälschen Gasse hineinragte, für 2000 Gulden an einen gewissen Karl Hübl aus Straden.
Etwa zur selben Zeit begann der damals oberste Münzmeister und nachmalige Gerichtspräsident Karel Pøehoøovsky von Kvasejovice Gärten und Weinberge, die sich in der Umgebung befanden, aufzukaufen; die Gründe sollten ihm die Errichtung eines standesgemäßen Herrensitzes ermöglichen:

Zu Füßen der grünen Hänge des Petøín gelegen, hat das Palais Lobkovicz auf der Kleinseite mit dem gräflichen Nostitzschen Palaste einen der wichtigsten Vorzüge, ja geradezu eine der hauptsächlichsten Bedingungen eines aristokratischen Heims gemein: Auch dieser Palast liegt abseits des wirren Treibens des Großstadtlebens, und es zeugt von dem guten Geschmack des Stifters des imposanten Baues, des Grafen Franz Karel Pøehoøovský von Kvasejovice, daß er gerade diesen entlegenen Teil der Kleinseite dazu wählte, sich hier ein würdiges Heim zu schaffen. Graf Pøehoøovský bekundete einen feinen Geschmack und einen unleugbaren Scharfblick, als er in den Jahren 1697 – 99 die Grundstücke zu Füßen des Petøín an sich brachte, denn die reizend gelegene Stätte war wie geschaffen, um hier einen mit dem vornehmen Prunk jener Zeit ausgestatteten Palast entstehen zu lassen. Damals gab es hier allerdings nur ein einziges, offenbar nicht allzu komfortables Haus, „Zu den drei Musquetieren“ genannt, sowie drei ausgedehnte Gärten. In einer einzigen Hand vereinigt und arrondiert, gab das alles zusammen einen recht hübschen Besitz, und der Graf wußte wohl, was sich aus diesen Gärten wird machen lassen, wenn eine berufene Hand mit ihrem Arrangement und der Aufsicht über dieselben betraut wird.

Jaroslav Kamper, Wanderungen durch Alt-Prag

Die vorhandenen Akten und Handschriften geben beredt Auskunft über die verworrenen Besitzverhältnisse dieser Weingärten, die damals bepflanzt waren und so manchen Scheffel Wein abwarfen. Einige der Bauplätze auf dem Gebiet dieser Weingärten erwarb Jahrzehnte später, im ausgehenden 17. Jahrhundert, auch die Familie Lobkowicz.
1702 erwirkte Karl Pøehoøovský vom Kaiser die Erlaubnis, das Haus „Zu den drei Musketieren“ zu erwerben, einen Neubau zu errichten sowie einen großzügigen, symmetrischen Garten anzulegen. Die Immobilie wurde in die Landtafeln eingetragen („Das mit Zusammenziehung der Garten darauf zu sonderbarer Zierde der Stadt kostbar erbaute Haus und dannen angelegten schönen grossen Lustgarten“), der bestehende Bau niedergerissen, und noch im selben Jahr werden wohl die Bauarbeiten begonnen haben. Für den aus einem südböhmischen Rittergeschlecht unweit von Sobìslau stammenden Pøehoøovksý muß dies ein erhebender Augenblick gewesen sein, schließlich war der Bau selbst für Prager Verhältnisse etwas Außergewöhnliches.

Graf Franz Karl Pøehoøovský schien ein ungemein vielseitiger und ausnehmend begabter Mann zu sein, denn er bekleidete in rascher Folge einige der höchsten Würden, die ihm sein Vaterland bieten konnte.
In den Jahren 1688 – 99 war er der oberste Münzmeister des Königreiches Böhmen, nachher Präsident des Appellationsrates, im Jahre 1705 wurde er Oberstlandrichter von Böhmen. Aber nicht allein hohe Würden, auch bedeutende Reichtümer hatte er erlangt und als Sprosse eines unbedeutenden Rittergeschlechtes konnte er sich rühmen, der Gläubiger seines kaiserlichen Herrn zu sein. Als Besitzer einer der schönsten Herrschaften Böhmens, Konopišt und Beneschau, und einer der höchsten Würdenträger des Landes empfand er natürlich auch das Bedürfnis, in der Hauptstadt des Königreiches einen seiner würdigen, eigenen Palast zu besitzen. Als Oberstmünzmeister faßte er die Idee und traf die Vorarbeiten zwecks Durchführung derselben, als Oberstlandrichter zog er in das prachtvolle neue Heim ein, denn der Bau des Palastes war im Jahre 1707 bereits beendet.

Jaroslav Kamper, Wanderungen durch Alt-Prag

Verschiedenen (und im einzelnen auch recht vagen) Quellen zufolge soll sich eine Reihe prominenter Baumeister und Architekten an diesem Projekt beteiligt haben, darunter Giovanni Antonio Lurago, Giovanni Santini, Giovanni Batista Alliprandi, Christoph Dienzenhofer und auch Bartolomäus Scotti. Wie wir einer Klageschrift aus dem selbigen Jahr entnehmen, war im Jahr 1704 dieser Bau „gegenüber dem wälschen Spital“ bereits aufgeführt. Man hatte sich mit den benachbarten Grundeigentümern, den Grafen Colloredo und mit der Kleinseitner Stadt nicht über wasserbauliche Fragen einigen können und deshalb einen Prozeß angestrengt. Der neue Palast zählte zu den wohl imposantesten Neubauten des damaligen Prag, auch wenn er um ein Stockwerk niedriger war, als wir ihn heute sehen.
Um 1713 gelangte der Besitz des ehemals wohlhabenden Pøehoøovsky, der in guten Tagen sogar dem Kaiser mit Geld ausgeholfen hatte, zur Versteigerung. Pøehorøovsky hatte sich mit dem Bau wohl übernommen und einer Reihe von Handwerkern, unter ihnen ein Zimmermann, ein Schmied, ein Glaser und auch der Stukkateur Thomas Soldati, blieb nichts anderes übrig, als ihre Forderungen bei der mit der Versteigerung betrauten Landtafel geltend zu machen.

Doch wider Erwarten sollte sich Graf Pøehoøovský seines neuen Heims nicht allzulange erfreuen. War es der kostspielige Bau, waren es andere Ursachen – es ist so schwer, heute über die Gründe, die den finanziellen Ruin des Grafen Pøehoøovský herbeiführten, Betrachtungen anzustellen. Das eine steht fest: Der Graf sah sich schon nach wenigen Jahren (1713) schuldenhalber gezwungen, seinen prächtigen Palast samt dem herrlichen Garten an den Freiherrn Johann Josef Bartoletti von Parthenfeld zu verkaufen, der ihm dafür 70.000 rh. Gulden und 400 Gulden Schlüsselgeld bezahlte. Die Herrlichkeit war somit nur von kurzer Dauer gewesen, der junge Glanz des Geschlechtes der Grafen Pøehoøovský von Kvasejovice rasch verblaßt. Graf Franz Karl starb im Jahre 1717 und mit seinem Sohne Hellfried, der auf der Brautfahrt nach Wien unterwegs den Tod fand, erlosch das alte südböhmische Adelsgeschlecht.

Jaroslav Kamper, Wanderungen durch Alt-Prag

70.000 Gulden investierte der neue Eigentümer Johann Josef Bartoletti, ein Makler, in das Palais und in die umliegenden Gärten mit dem gesamten Zubehör. Im Jahr 1717, also nur vier Jahre später, tauschte er es mit großem Gewinn dem Grafen Franz Karl Liebstein von Kolowrat, dem Geheimrat, wirklichen Kämmerer und Präsidenten des Landesgerichtes im Königreich Böhmen, für dessen Herrschaft Pøestavlky.
1734 wechselte das Palais erneut den Besitzer. Die verwitwete Gräfin Antonie Èernín von Chudenic, geb. Gräfin von Kühnburg, kaufte das mit 1160 Quadratmetern wahrlich nicht kleine Palais für wohlfeile 70.000 Gulden. Ihr Sohn, Franz Anton, dem sie es zueignete, verstarb allerdings nach nur fünf Jahren, und so ging der Besitz an seine Tochter Maria Josefa Ludmila Èernín von Chudenic. Als diese im anno 1753 dem Fürsten August Anton Josef von Lobkowicz ihre Hand zum ewigen Bund reichte, kam das Palais ins Eigentum jener Familie, die es bis ins Jahr 1927 bewohnen und ihm den noch heute üblichen Namen geben sollte: Das Palais wurde zum Prager Stammsitz des Hoøín-Mìlníker Zweiges der böhmischen Adelsfamilie Lobkowicz.

Fürst August Anton Josef von Lobkovicz (geboren im Jahre 1729) war in Rom in einem adeligen Stifte erzogen worden, trat in die kaiserliche Armee ein, aus welcher er nach dreiundzwanzig Jahren als Generalmajor schied, um sich der diplomatischen Laufbahn zuzuwenden. Er wirkte fünf Jahre als Kaiserlicher Gesandter in Madrid, doch gab er auch diese Karriere auf, um sich in seinem Prager Palaste, an dem er noch eine Etage aufführen ließ (noch heute sieht man an der Fassade des Palastes das Allianzwappen des Fürsten und seiner Gemahlin, geborenen Gräfin Èernín), der Pflege der Künste und Wissenschaften hinzugeben. Er starb im Jahre 1803.

Jaroslav Kamper, Wanderungen durch Alt-Prag

Der Baumeister Ignaz Palliardi dürfte in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts einige Arbeiten für den Fürsten August Anton Josef von Lobkowicz ausgeführt haben. So wird ihm von manchen Kunsthistorikern unter anderem auch der Anbau des obersten Stockwerkes des Palais zugeschrieben. Zu dieser Vergrößerung hatte man sich wohl entschlossen, nachdem das Gebäude bei einem Brand im Jahr 1766 beschädigt worden war. Ein Gutachten der vereidigten Baumeister Anton Haffenecker und Mathias Hummer bestätigte, daß Grund und Fundamente diesen Aufbau und dazu auch noch das geplante doppelte Ziegeldach tragen würden. Vielleicht sind die beiden Baumeister nicht nur mit der Überprüfung der Statik, sondern auch mit den eigentlichen Bauarbeiten betraut worden.
Da ein bis heute erhaltener Plan der Gartenanlage seine Unterschrift aufweist, kann man davon ausgehen, daß Palliardi sich auch an der Gestaltung des Gartens beteiligt hatte. Im Jahr 1768 erwarb die Familie Lobkowicz den angrenzenden Turbovksý-Garten, und zwei Jahrzehnte später konnten auch noch weitere Gartenflächen zugekauft werden.
Dem Fürsten August Anton Lobkowicz folgte sein Sohn Anton Isidor Lobkowicz (1773 – 1819). Er hatte als einziger von den insgesamt 17 Kindern seinen Vater überlebt. Bis heute erinnert man sich seiner als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten, die je dem gefürsteten Hause Lobkowicz entsprossen sind. Anton Isidor förderte Carl Maria von Weber während dessen Prager Aufenthalten und gehörte zu den eifrigsten Wohltätern Ludwig van Beethovens, sodaß es zumindest denkbar ist, daß diese beiden Komponisten im Palast unter dem Laurenziberg zu Gast weilten.
Nach seinem Tode im Jahr 1819 wurde ein Inventarprotokoll erstellt, das die damalige Ausstattung des Palais dokumentiert.
Anton Isidors Sohn August Longin folgte als Eigentümer des Palastes, 1843 übernahm dessen Sohn und Erbe, seine Durchlaucht Oberstlandmarschall Georg Fürst von Lobkowicz und später dessen Sohn Friedrich den Besitz:

Ein baulich besonders schönes Palais gehörte dem Fürsten Friedrich Lobkowicz (die eine Linie dieser berühmten böhmischen Familie schrieb sich damals mit cz, die andere mit tz), es hatte einen großen Garten, der sich am Hang des Laurenziberges bis zur Spitze hinaufzog. Fürst Georg Lobkowicz, der Großvater meiner Frau, der als Landmarschall von Böhmen eine politische Rolle gespielt hatte, war nicht lange vorher gestorben; nach alter böhmischer Sitte, um ja nicht „aufzuhauen“, hatte er die schönsten Sachen, die er besaß, nie verwendet, sondern alles sorgfältig verwahrt. Sein Sohn und Erbe, Fürst Friedrich, war sehr kunstverständig, seine junge Frau hatte einen guten Geschmack für das Einrichten eines Hauses. Sie waren beide außerordentlich gastfreundlich, und wir jungen Studenten, die meisten entweder mit leeren Taschen oder von ihren Eltern sehr kurz gehalten, wurden dort freigiebig bewirtet. Überhaupt denke ich gern daran zurück, wie die reichen Leute damals an die weniger begüterten dachten. Im Jahr 1910 erwischte ich die Masern und lag in meinem großen Zimmer, von Frau Stiasny ein bißchen betreut, aber doch sehr verlassen; da ich der Masern wegen auch nicht lesen durfte, wäre mir die Zeit sehr lang geworden, wenn die Mutter meines Freundes Josef Zdenko Lobkowitz sich nicht jeden Tag eingefunden hätte, um mir, von abscheulichen Flecken bedecktes Ungeheuer, die Zeitung vorzulesen und mir die neuesten Nachrichten zu erzählen. Und zweimal täglich erschien ein Diener des Grafen Nostitz, der von der anderen Seite der Moldau in einem Korb, gut zugedeckt, ein ausgezeichnetes Essen brachte.
Fürst Friedrich Lobkowicz und seine Frau gingen mit Feuereifer daran, ihr Haus in den besten Stand zu bringen, aus den Depots wurden alle wertvollen Sachen geholt, eingelegte Barockmöbel, Sitz und Lehne mit petit-point Stickereien überzogen, – in der Biedermeierzeit waren sie weiß lackiert und mit Goldstäbchen verziert worden! – in ein kleineres Zimmer kamen vier besonders schöne Savonnerie-Teppiche an die Wand, ein Geschenk Louis XIV. an eine Ahnfrau Czernin-Merode; drei davon prangten noch in den herrlichen Farben, einer war etwas verblaßt. Friedrich fragte eine seiner Tanten, die 1828 geborene Prinzessin Zdenka Lobkowitz, ob sie sich an diese Wandteppiche erinnere, was sie bejahte, und als er dann meinte, der eine sei eher verblaßt, sagte sie sofort: „Oh, das weiß ich ganz genau warum, dieser eine lag am Boden in unserm Kinderzimmer, und damit wir keine kalten Füße bekommen, stellte das Kindsmädel Maøenka unsere Scherberln (Töpfe) drauf, wenn sie umgefallen sind, hat sie den Teppich immer ordentlich geputzt.“ Mehr als 40 Jahre später kam ich mit dem Direktor des Cleveland Museum, Mr. Milliken, zusammen, bei dem sich jetzt zwei dieser Savonneries befinden, ich fragte ihn, ob vielleicht der eine verblaßt sei, was er erstaunt bestätigte: er wüßte gerne den Grund dafür. Jetzt mußte ich natürlich erzählen.

Alfons Clary-Aldringen, Geschichten eines alten Österreichers

Nach dem Ersten Weltkrieg, 1927, erwarb der Tschechoslowakische Staat das Palais mit allen zugehörigen Häusern und Gärten. Das noch zu Beginn des Jahrhunderts bewahrte kostbare Inventar wurde abtransportiert, darunter Einrichtungsstücke aus der Zeit der Vollendung des Baus, Familienportraits, seltene Bronzen und kostbare Gobelins sowie die reiche Familienbibliothek, die mit etwa 50.000 Bänden, Handschriften und Inkunabeln eine der größten Privatbibliotheken Böhmens war.
In den Reiseführern der Jahrhundertwende fand diese private Bibliothek noch gebührende Erwähnung:

Auf der rechten Seite der fürstlich Lobkowiczsche Palast, Wälsche Gasse 19 (Eintritt nach Anfrage beim Pförtner); er empfing seine gegenwärtige Gestalt im Jahre 1769 und enthält Sammlungen von Gemälden, Gipsabgüssen, Kupferstichen und Manuskripten; auch eine bedeutende Bibliothek von 50 000 Bänden ist in sechs Sälen aufgestellt.

Griebens Reiseführer, Prag und Umgebung, 1911

Nach der Übernahme durch die Republik wurde das Gebäude vermessen und restauriert. Zugleich fertigte man jene genauen Pläne an, die bis heute im staatlichen Zentralarchiv aufbewahrt werden.

Nach Adaptierungsarbeiten fand das Palais Verwendung für eine Reihe verschiedener staatlicher Institutionen, darunter das Schulministerium, die archäologische Zentralverwaltung und schließlich das Außenministerium. Letzteres unterhielt hier für einige Zeit eine diplomatische Akademie. Für einige Jahre war im Palais die Botschaft der Volksrepublik China untergebracht. Seit 1973 dient das Palais der Bundesrepublik Deutschland als Botschaft und Konsulat. Während der 70er und 80er Jahre war es zwar eines der meist observierten diplomatischen Einrichtungen des Landes, doch zugleich war es zu einem stillen Refugium in der „normalisierten“ ÈSSR geworden. Als im Herbst des Jahres 1989 die Massenflucht von Bürgern der DDR das Ende der zementierten Nachkriegsverhältnisse einleitete, wurde das Palais für einige Wochen zum politischen Brennpunkt nicht nur Deutschlands, sondern ganz Europas. Nachdem über 4000 DDR-Flüchtlinge seit Wochen notdürftig in Zelten untergebracht waren und am 22. August 1989 die Botschaft wegen Überfüllung geschlossen werden mußte, konnten die Wartenden am 30. September selbigen Jahres in die BRD ausreisen, ein Sonderzug der DDR-Reichsbahn transportierte die Flüchtlinge in Richtung Hof. Aber bald schon sammelten sich erneut Tausende Ausreisewillige in den Gassen um das Palais Lobkowicz.
Heute, ein Jahrzehnt nach diesen aufregenden Tagen, ruht der Palast wieder still an seinem etwas abgeschiedenen Platz unter dem Laurenziberg.

Der Alltag ist geprägt von den im Ehrenhof geparkten schwarzen Limousinen, vom Exkursionsprogramm gelangweilter Schülergruppen, vom ruhigen Tagesablauf des hier amtierenden diplomatischen Personals und von den Empfängen, die zur üblichen diplomatischen Routine gehören. Der große Tag des Palastes scheint fern wie jene Brauerei des Mälzers Petrovic, die vormals hier betrieben worden war. An die große Flucht erinnert nichts als eine Plakette am gartenseitigen Balkon des Palastes und der vierbeinige Trabant, der als Symbol der sich verflüchtigenden DDR und ihrer flüchtenden Bürger im Garten Aufstellung gefunden hat. Der Palast scheint von seinem großen Tag zu träumen.
Und es kommt schon einer mittleren Revolution gleich, wenn einer der für wenige Jahre hier residierenden Diplomaten mit dem Fahrrad die ansteigende ‚Wälsche Spitalgasse‘ hinaufkeucht, anstatt sich auf dem Rücksitz eines Mercedes Benz chauffieren zu lassen. Die Bewohner der Kleinseite sind dankbar für solche Darbietungen, und schauen dann aus ihren Fenstern hinüber zu dem mächtigen Palast und bereden das Ereignis mit Ehrfurcht.

Das heutige Erscheinungsbild des Palastes

Wenn man die leicht ansteigenden Gassen Tržištì (ehem. Marktgasse) und Vlašská (ehem. Wälsche Spitalgasse) in Richtung Laurenziberg hinaufwandert, passiert man die linkerhand gelegene Lobkowiczer Weinstube (Vlašská 17), in der bereits seit dem 19. Jahrhundert die ‚Ludmila‘, der berühmte Hauswein der Lobkowiczer Domänen in Melnik, ausgeschenkt wird. An der anschließenden Einfriedungsmauer vorbei kommt man zu einem Platz, der an seiner Nordseite von einigen Bürgershäusern und dessen südliche Seite von dem impossanten Palais Lobkowicz begrenzt wird. Unweigerlich drängt sich der Eindruck auf, daß der Platz die räumliche Voraussetzung für diesen gewaltigen Bau darstellt, daß der Palast und der Vorplatz ein unteilbares und Ensemble, ein gewolltes Konzept bilden. Und dennoch ist das Gesamtkunstwerk nicht auf dem Reißbrett eines Architekten entstanden, sondern über Jahrzehnte hinweg gewachsen. Erst mit den Umbauten des Architekten Palliardi im 18. Jahrhundert erhielt der Palast seine beinahe bedrohliche Größe und bis heute so gut wie unveränderte Gestalt.

Die zur Straße hin gelegene Nordfassade

Dem auf dem Vorplatz stehenden Betrachter präsentiert sich ein zweigeschossiger Palast mit einem Mezzanin, das aus einem sehr breiten, aber nur diskret betonten siebenachsigen Mittelrisalit und zwei untergeordneten Seitenflügeln besteht. Sowohl an der westlichen als auch an der östlichen Seite des Palastes schließen hohe Einfriedungsmauern an, die einen Wirtschaftshof bzw. den Prachtgarten zu der Straße hin abgrenzen. Durch diese Mauern wird die optische Täuschung eines Kontinuums erzeugt. Der schloßartige Palast steht aber ohne Anbindung an die benachbarten Häuser frei und ist damit das dominierende Gebäude.
14 Prellsteine sichern das hochbarocken Palais und flankieren die Rampe, die zu dem nüchternen, aber imposanten Portal in der Risalitachse führt. Diese Steine hatten das Gebäude vor schweren Fuhrwerken zu schützen, die es am Rande des abfallenden Geländes hätten beschädigen können. Auf den Steinsockeln, die das Portal begrenzen, ruhen Pilaster und freistehende Säulen. Ihre mit Girlanden und Widderköpfen geschmückten Kapitelle tragen das Gesims der Balkondecke.
In das mit Nägeln und Rosetten reich verzierte, mit Blech und gekreuzten Bandeisen beschlagene Portal hat man eine kleinere Tür eingelassen. Über dem Portal ziert ein barockes schmiedeeisernes Gitter die halbkreisförmige Oberlichte.
Während das durch eine Bandrustika gegliederte Erdgeschoß von zwölf länglichen, zum Teil vergitterten, Fenstern durchbrochen wird, sind im glatten Mezzanin kleinere, quadratische Fenster eingelassen. Das dominierende erste Geschoß ist beidseits der Achse von je sechs Fenstern und über dem Portal von einer Balkontür durchbrochen. Die vierflügeligen Fenster sind durch schmucke Maskaronen und Blattgirlanden betont. Dieser Schmuck läßt den architektonischen Schwerpunkt ins erste Geschoß rücken.
Auch das zweite Obergeschoß hat seitlich je sechs Fenster, jedoch mangels eines Balkones anstelle einer Balkontür ein weiteres Fenster in der Mittelachse.
Mehr noch vom Vorplatz zur Prager Burg als von dem kleinen Vorplatz des Palais aus imponiert der Dreiecksgiebel über dem Mittelrisalit, wenngleich man von dem fernen Beobachtungspunkt die Details dieses Giebelfeldes nicht so gut erkennen kann: Aus einer Fürstenkrone entspringt ein Wappenmantel, der ein Allianzwappen der Familien Èernín und Lobkowicz umfließt.
Um den Mantel herum sind Fahnen, Geschütze und Waffen präsentiert. Dieses Kriegsgerät, wohl erbeutete Trophäen, muß vor dem Hintergrund einer Zeit betrachtet werden, in der das Kriegshandwerk für einen Aristokraten von Rang und Namen eine sehr ehrenvolle Angelegenheit war. Darüberhinaus befand man sich gerade in jenen euphorischen und von Siegesgefühl trunkenen Jahren, die der siegreichen Überwindung der Türkengefahr folgten.
Hinter dem Tympanon ragt ein Attikaaufsatz hervor, auf dessen Pfeilern vier mächtige Steinvasen von Giovanni Pietro della Torre und vier Statuen eines unbekannten Meisters Aufstellung gefunden haben. Die aus Sandstein aus Božanov gefertigten Figuren sind zweieinhalb Meter hoch und wiegen je etwa eineinhalb Tonnen. Sie versinnbildlichen die feindlichen Mächte, denen die Christenheit ehemals ausgesetzt war. Die Figur mit der Krone spielt auf König Herodes an, der mit einem Turban bekleidete Koloß verweist auf einen türkischen Krieger. An die altrömische Christenverfolgung erinnern der römische Legionär mit dem Schwert in der Hand und der mit Lorbeer bekränzte Heerführer.

Die zum Laurenziberg gerichtete Gartenfront

Ist die Nordfront des Palastes zur Stadt hin ausgerichtet, so verschmilzt die südliche Front der Anlage mit dem Naturszenarium des Gartens bzw. des unmittelbar hinter dem Palast ansteigenden Laurenziberges. Diese Zweigestaltigkeit ist eines der charakteristischen architektonischen Merkmale des Palais Lobkowicz. Verweist die nördliche Seite auf Macht und Stärke, so vermittelt die südliche Fassade einen verspielten und intimen Charakter. Der Eindruck einer reifen Frucht drängt sich auf, die sich öffnet und den im Fruchtfleisch eingebetteten Kern, den Ehrenhof, sehen läßt.
Diese südliche Hauptseite des Palastes wird Giovanni Battista Alliprandi zugeschrieben, der wohl Ideen des österreichischen Architekten Johann Fischer von Erlach aufgegriffen hat. Über dem Durchgang erhebt sich ein mächtig vorspringender zylinderförmiger Mittelrisalit, der bis vor wenigen Jahren mit einem Wasserbassin auf dem Dach seinen Abschluß gefunden hat. Leider kann dieses Bassin wegen statischer Schwächen nicht mehr zu einem lauschigen Bad über den Dächern von Prag benutzt werden.
Der auf Säulen ruhende südseitige Balkon in Höhe des ersten Geschosses ist in die jüngste deutsche Geschichte eingegangen. Von ihm aus verkündete der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher der jubelnden Menschenmenge, daß ihrer Ausreise in die Bundesrepublik nichts mehr im Wege stehe.
Eine in die Mauer eingelassene Gedenktafel erinnert an diesen historischen Augenblick:

„Wir sind zu Ihnen gekommen,
um ihnen mitzuteilen,
daß heute ihre Ausreise
möglich geworden ist.“
Bundesminister Hans Dietrich Genscher
am 30. 9. 1989 an dieser Stelle
zu den fast 4000 Flüchtlingen
aus der DDR, die in der Botschaft
Prag Zuflucht gefunden hatten.

Im Inneren des Palastes

Bevor der Besucher das Innere des Palastes in Augenschein nehmen kann, durchwandert er die Durchfahrt mit der Portiersloge. Von hier aus öffnet sich der Blick über den Ehrenhof auf den Garten. Die Decke ist mit Fresken, wahrscheinlich von Pietro della Torre, bemalt. Im ovalen Deckenspiegel im ersten Teil der Durchfahrt ist symbolisch die ‚Herrschaft der Zeit über das Leben‘ dargestellt. Eine Frau hält eine kleine Lampe und eine Sanduhr, links von ihr umfaßt eine Amorette eine Glocke und – in Versinnbildlichung des Todes – eine nach unten gerichtete Fackel. Eine weitere Amorette hält einen Storch, das Symbol des Lebens, und faßt mit dem erhobenen rechten Fuß einen Stein. Ein liegender Löwe spielt auf Chronos, den Gott der Zeit, an.
Der Spiegel im zweiten Teil der Durchfahrt erzählt vom Sturz des Ikaros, der beim Fliegen der Sonne zu nahe kommt und ins Meer stürzt.

Das prächtigen Treppenhaus führt zu den Repräsentationsräumen hinauf. Hier sind gerahmte Fotografien aufgehängt, die die Ereignisse des Jahres 1989 in Erinnerung rufen. Auf dem Podest am oberen Ende der steinernen Treppe steht ein reichverzierter, gußeiserner Kandelaber, der mit einem großen „L“ an die Adelsfamilie Lobkowicz erinnert, der das Palais bis vor etwa 70 Jahren gehörte. Man lasse den Blick hinauf zur stuckverzierten Decke schweifen – da thematisiert ein zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstandenes Deckenfresko Krieg und Frieden. Vor allerlei Waffen, Trommeln, Fahnen und Kriegstrophäen symbolisiert eine Frau mit zwei flammenden, von einem Blasbalg angefachten Fackeln sowie ein Mann in Rüstung den Krieg. Gleich daneben ist der Frieden in Gestalt einer Frau mit einem Palmenzweig verdeutlicht, die Amorette mit dem Anker vor ihr steht für die Hoffnung.
Die ganz rechts abgebildete Frau löscht mit ihrer rechten Hand die nach unten gerichtete Kriegsfackel. Um sie herum verheißt ein Haufen abgelegter Waffen und ein Kind mit Ährengarben, Weinreben und Früchten ein ruhiges Leben in Friedenszeiten.

In den Jahren, in denen das Deckenfresko entstand, begann man auch, die Innenräume mit Wandmalereien auszuschmücken.
Durch den Raum vor dem Hauptsaal, in dem das Gastmahl der Musen dargestellt ist, gelangt man in den sich über zwei Geschosse erstreckenden ovalen Hauptfestsaal, der über insgesamt drei Portaltüren zugänglich ist. In den Supraporten dieser Türen befinden sich Medaillons mit Reliefszenen der Kämpfe des Herakles. Seit jeher ist dieser Raum die empfundene Mitte des Palastes sowie der zentrale Empfangsraum. Mit ein wenig Phantasie passieren die ehemaligen Gastgaber Revue, etwa Anton Isidor Fürst Lobkowicz, der seine Gäste zu musikalischen Soireen empfing, oder die angehenden Diplomaten der ersten tschechoslowakischen Republik, die sich hier zum Cocktail zusammenfanden oder gar seine Exzellenz, der Botschafter der Volksrepublik China, der hier die Kader seines sozialistischen Bruderlandes empfing.

Im zweiten Stock des Gebäudes befinden sich die der Öffentlichkeit nicht zugänglichen, privaten Gemächer des jeweils amtierenden Botschafters. Eine Treppe führt weiter auf das Dach, von wo sich ein herrlicher Rundblick über die Prager Kleinseite öffnet.

Der Garten des Palastes

Wer heutzutage den Garten des Lobkowicz’schen Palastes besichtigt, der muß schon einige Phantasie haben, will er sich eine Vorstellung von der einstigen Pracht dieses Gartens machen. Der Gärtner Johann Georg Kapula verwirklichte zu Beginn des 18. Jahrhunderts seinem Auftraggeber Graf Pøehoøovský ein kleines Paradies. Kapula hatte gleich nach seinem Dienstantritt im Jahr 1698 damit begonnen, einen barocken Ziergarten anzulegen. Dieser erstreckte sich über mehrere durch Rampenwege verbundene Terrassen über den ganzen Nordhang des Laurenziberges.

Diese Gartenanlage zählte bekanntlich zu den Sehenswürdigkeiten Prags und zeugt noch heutigen Tages von dem geläuterten Geschmack und der fachlichen Tüchtigkeit ihres Schöpfers, der mit viel Kunst alles, was ihm die Natur bot und was er hier bereits vorfand, seinen besonderen Zwecken und Absichten anzupassen verstand. Und im Grafen Pøehoøovský fand er auch einen geradezu idealen Auftraggeber, der seinerseits für die Größe und Schönheit des Entwurfes seines Farbenkünstlers das richtige Verständnis besitzen mußte, da er sonst wohl kaum auf den gewiß selbst zu jener Zeit recht kostspieligen Plan eingangen wäre. Es galt eben, für das alte, aber erst spät zu Ansehen und Macht gelangte Geschlecht ein würdiges, wahrhaft repräsentatives Heim zu schaffen.

Jaroslav Kamper, Wanderungen durch Alt-Prag

Einem gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstandenen „Situationsplan des Fürst Anton Isidor Lobkowitzischen Gartens“ entnehmen wir Einzelheiten über das seinerzeitige Aussehen der Anlage. Der Garten war damals ein riesiges Gelände mit mehreren Bassins, einigen Treibhäusern sowie der heute noch stehenden Sala terrena, deren Stukkaturen zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Tomaso Soldati geschaffen wurden. Hinter der in der nordöstlichen Ecke der ersten Terrasse errichteten Sala terrena steht noch heute ein Glashaus, daß an die Bedeutung der herrschaftlichen Gärtner erinnert.

An den eigentlichen Palastbau mit seinem geräumigen Vestibül und den zahlreichen anheimelnden und dennoch prunkvollen Gemächern schloß sich der herrliche Garten an, dessen Eingang zwei mächtigen Statuengruppen, die den Raub der Sabinerinnen (vielleicht auch die Entführung von Nymphen durch Giganten) darstellten, flankieren, und in diesem Garten gab es alles, ohne dem die Gartenanlage eines Herrensitzes des achtzehnten Jahrhunderts nicht zu denken ist: Wasserkünste und geschickt angelegte Alleen, die perspektivische Täuschungen bieten, Bosketts und dekorative Vasen und selbstverständlich auch eine Sala terrena mit den unvermeidlichen mythologischen Freskogemälden, Karyatiden und der Mosaik aus Kieselsteinen. Und zu alledem die unvergleichlich schöne Stadt, auf die sich von oberen Partien des Gartens eine so entzückende Aussicht bot! Es war dies ein Besitz, um den den Oberstlandrichter wohl mancher seiner aristokratischen Genossen beneiden mochte, vornehm und bezaubernd schön, anheimelnd und dabei so repräsentativ.

Jaroslav Kamper, Wanderungen durch Alt-Prag

Im Hochbarock hatten sich auf der Kleinseite eine Reihe adeliger Familien, so etwa die Familien Thun, Ledebour, Pálfy, Kolovrat oder Fürstenberg, Terrassengärten anlegen lassen – heute besinnt man sich dieser grünen Inseln innerhalb der Stadt wieder, man pflegt die Gärten, macht sie der Öffentlichkeit zugänglich.
Der ehemals bis hinauf zum heutigen Aussichtsweg auf dem Laurenziberg angelegte Lobkowiczgarten ist zwar ohne weiteres zugänglich, jedoch ist dieser nicht mehr zur Botschaft gehörende Gartenbereich verwildert und gleicht mehr einem verwachsenen Waldstück, denn einem kultivierten Garten. Freilich erahnt man in dem terrassenförmigen Gelände mit den sich dreimal kreuzenden Promenadenwegen noch heute die ehemalige Bestimmung und Konzeption. Romantiker kommen auf ihre Rechnung, so sie den Geschichten glauben wollen, die sich um die Reste verfallener Gemäuer ranken:

Ein prächtiger Garten (allgemein zugänglich bis 7 Uhr abends) steigt hinter dem Palast terrassenförmig an einem Abhange des Laurenziberges an und enthält Mauerüberreste von Gebäuden jener Mohammedaner, welche durch Karl IV. aus dem Orient hierher berufen waren, um der Weberei persischer Teppiche und Schals Eingang zu verschaffen.

Griebens Reiseführer, Prag und Umgebung, 1911

Im 19. Jahrhundert hat in diesem Garten der aus Marienbad stammende Gärtner Jan Skalník mit über 400 Pflanzen ein erstes böhmisches ‚Alpinium‘, einen Steingarten, angelegt. Seit damals hat sich die Vorliebe für Steingärten vom Alpinium des Prager Palais Lobkowicz ausgehend im ganzen Land bis hin ins kleinste mährische Dorf verbreitet.
Unweit dieses Steingartens wurde dem Dichter Jaroslav Vrchlický (185-1912) ein Denkmal errichtet. Nahe dieser Stelle, im höchsten Teil des Gartens, hatte Vrchlický ein Poem gedichtet, das hier frei übersetzt wiedergegeben sei:

Praha v kvìtu

Moøe zelenì a kvìtù
od Žižkova ku Petøínu!
Jako zázrak jiných svìtù
leží Praha v strání klínu.
Jak labuti mraky v letu
nad ní biží, takže leží
v jasu chvíli, chvíli v stínu.

Prag in der Blüte

Ein Meer von Grünem und Blüten
Von Žižkov bis zum Petøín!
Wie ein Wunder aus anderen Welten
Liegt Prag im Schoß der Hänge
Wie Schwäne im Flug, ziehen die
Wolken über ihm, sodaß es eine Weile
Im Licht, eine Weile im Schatten liegt

Nur ein kleiner Rest der ehemals ausgedehnten Anlage, insgesamt etwa 7300 Quadratmeter Gartenfläche, ist dem durch einen Zaun abgegrenzten Botschaftsareal noch verblieben, und dieser Rest ist nüchtern nach Art eines englischen Parks gestaltet. Ein Gitter trennt den Garten vom Ehrenhof des Palastes ab, und durch ein Tor, zwischen Amphoren und auf Sockeln ruhenden mythologischen Figuren, kann man ins Grüne des Gartens hinaustreten. Die Sandsteinskulpturen auf den Pfeilern, die das Gartentor flankieren, erzählen vom Raub der Proserpina (oder gr. Persephone, die Tochter des Zeus und der Demeter; Hades, der Gott der Unterwelt, raubte sie heimlich, als sie auf einer sizilianischen Wiese mit den Töchtern des Okeanos spielte, und führte sie in die Unterwelt, wo er sie zu seiner Gemahlin machte) und der Orithyia (Tochter des König Erechtheus von Athen; Boreas, der Nordwind, hatte einst vergeblich um die schöne Geliebte geworben, da entführte er sie durch die Luft an die Küste von Thrazien; dort wurde sie seine rechtmäßige Gattin und gebar ihm Nachkommen).

Unter Bäumen hat jener Trabant auf Beinen Aufstellung gefunden, der zu einem Symbol für die Flucht tausender DDR-Bürger wurde.
Eine Gedenktafel vor dem Automobil erinnert an diese Tage:

Quo Vadis
Von David ÈernyZur Erinnerung an die vielen Tausend Deutschen aus der DDR
die im Sommer und Herbst 1989 über die Botschaft Prag den Weg
in die Freiheit suchten und fanden

Aus dem Buch:
Salfellner, Harald/Wnendt, Werner: Das Palais Lobkowicz.
Ein Ort deutscher Geschichte in Prag.
Erstausgabe, 168 Seiten, 28,8 x 22 cm, gebunden, mit zahlreichen fotografischen Abbildungen, mit Beiträgen (u.a.) von Václav Havel und Hans-Dietrich Genscher.
ISBN 80-85938-65-0, DM 49,90/öS 364,-/sFr 49,90/€ 24,95

Vor zehn Jahren, im Sommer und Herbst des Jahres 1989, wurde ein altes Palais auf der Prager Kleinseite zum Brennpunkt einer politischen Entwicklung, die in dem Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten münden sollte. Mehrere Tausend DDR-Bürger erzwangen damals in einer dramatischen Massenflucht über die bundesdeutsche Botschaft in Prag ihre Ausreise in den Westen.
In diesem Buch werden die bewegten Tage dieser Flucht nachgezeichnet. Die politischen Akteure von damals, etwa Hans-Dietrich Genscher oder der damalige deutsche Botschafter, kommen ebenso zu Wort wie die Flüchtlinge selbst und die in das Geschehen involvierten Angehörigen der Bundeswehr oder des Deutschen Roten Kreuzes.
In einer großen Zahl zum Teil unveröffentlichter Bilder aus den Beständen der ARD, verschiedener Agenturen sowie privater Fotoarchive wird der „Exodus der DDR-Bürger“, werden Ängste, Hoffnungen und schließlich der Triumph über ein totalitäres Regime umfassend dokumentiert.
Das Palais Lobkowicz, dessen Geschichte in diesem Band erzählt wird, wurde 1989 aber nicht nur zu einem Ort deutscher Geschichte. Die damaligen Entwicklungen blieben auch für ganz Europa und insbesondere die Tschechoslowakei nicht ohne Auswirkung – nur wenige Wochen nach den Ereignissen trat die kommunistische Regierung unter den massiven Protesten der Massen zurück. Václav Havel, der am Zaun der deutschen Botschaft den Flüchtlingen geholfen hatte, avancierte vom verfolgten Dissidenten zum höchsten Repräsentanten der demokratischen Tschechoslowakei. Der Präsident der Tschechischen Republik hat für diesen Band ein Vorwort geschrieben.

Zu bestellen direkt beim Verlag www.vitalis-verlag.com oder über den gut sortierten Buchhandel.

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