Velvyslanec

Arndt Freytag von Loringhoven
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„Die Sprache des Nachbarn lernen – den Sprachenreichtum der EU bewahren“

In diesen Wochen, in denen die Kinder für das neue Schuljahr angemeldet werden, stellt sich für viele Eltern in Tschechien die Frage, welchen Fremdsprachenunterricht sie für ihre Kinder wählen sollen. Da diese Entscheidung meist zu einem Zeitpunkt fällt, zu dem die Kinder noch nicht selber entscheiden, ist sie – abgesehen von der Auswahl der Schule selbst – eine der weitest reichenden Weichenstellungen, die Eltern ihren Kindern mit auf den Schul- und Lebensweg geben.

So trifft es sich gut, dass eine am 21. Februar in Brüssel veröffentlichte Sonderumfrage zur Fremdsprachensituation in der EU Orientierungshilfe gibt. Darin bestätigt Eurobarometer, dass der Fremdsprachenunterricht immer ernster genommen wird. Verfügten 2001 immerhin schon 47 % der Befragten über Fremdsprachenkenntnisse, sind es heute, also nur 5 Jahre später, bereits 56 %. Die Tschechische Republik weist dabei überdurchschnittliche Werte auf. 61 % der Befragten, also 5 % mehr als im Durchschnitt der EU, gaben an, über Kenntnisse in mindestens einer Fremdsprache zu verfügen, darunter 28 % in Deutsch, 24 % in Englisch und 21 % in Russisch.

Als Deutscher war ich selbstverständlich angenehm überrascht, dass ein relativ hoher Prozentsatz der Tschechen über Deutschkenntnisse verfügt, auch wenn dieser Prozentsatz in anderen europäischen Partnerländern höher ist, so z.B. in den Niederlanden (58 %), in Slowenien (50 %) oder in Schweden (30 %).

Mit 18 % bleibt Deutsch in der EU die meist gesprochene Muttersprache, vor Englisch und Italienisch (je 13 %), Französisch (12 %) sowie Spanisch und Polnisch (je 9 %).

Als Fremdsprache liegt Deutsch jedoch zusammen mit Französisch (je 14 %) ganz deutlich hinter Englisch. Englisch wird heute schon von 38 % der Bewohner der EU gesprochen und weist – im Unterschied z.B. zum Deutschen – weiterhin hohe Zuwachsraten an den Schulen auf.

Als meistgebrauchte Sprache in vielen Arbeits- und Lebensbereichen und als unerlässliches Werkzeug der Kommunikation hat sich Englisch längst durchgesetzt. Es ist die globale Lingua Franca und wird dies wohl auch lange bleiben.

Dies alles spricht dafür, Englisch zu lernen. Auch in Deutschland sprechen mehr Leute Englisch als jede andere Fremdsprache, mit nach wie vor steigender Tendenz.

Ebenso klar sollte aber auch sein, dass die Kenntnis des Englischen allein eine zwar notwendige, aber keineswegs hinreichende Qualifikation in der Lebens- und Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts bildet. Dies spüren sogar und vielleicht insbesondere diejenigen, die Englisch als Muttersprache sprechen und international arbeiten.

Hier in Tschechien gibt es besonders gute Gründe dafür, unter anderem auch Deutsch zu lernen – übrigens durchaus auch als 1. Fremdsprache.

Moderne Untersuchungen zeigen, dass es sinnvoll ist, mit dem relativ schweren Deutsch als Fremdsprache anzufangen. Das Erlernen des Englischen – und weiterer Fremdsprachen – fällt danach leichter. Der umgekehrte Weg ist hingegen eindeutig der schwerere.

Über zwei Drittel der Grenzen der Tschechischen Republik reichen an den deutschen Sprachraum. Tschechien verbindet mit keinem Nachbarland eine so lange Grenze wie mit Deutschland. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Tschechischen Republik und steht mit einem Anteil von 36,4 % der tschechischen Exporte und 31,5 % der tschechischen Importe mit Abstand an erster Stelle der Außenwirtschaftspartner.

Beruflich ist Deutsch in Tschechien daher eine Schlüsselsprache, oft als Zusatz-Qualifikation zum Englischen. Sie ist es aber auch in kultureller und in wissenschaftlicher Hinsicht. Die Sprache von Goethe, Heine oder Brecht, von Kant, Kafka, Einstein oder Freud zu sprechen erschließt einen besonderen Zugang zum europäischen Kulturerbe.

Sie eröffnet aber auch den vertieften Zugang zu Nachbarländern mit modernen Bürgergesellschaften, hoch aktuellen künstlerischen Innovationen, gesellschaftlichen Diskussionsprozessen und Bahn brechenden Spitzentechnologien. Deutschland befindet sich in einem Umbruch, mit einer lebendigen, international einflussreichen Musikszene, mit einem bewegten Stadtszenerie in Berlin und in anderen Metropolen, mit sehr jungen Autoren, die sich in neue literarische Stile vorwagen, und mit einer Aufbruchstimmung beim Film und in den neuen Medien.

Die Verengung der sprachlichen Perspektive Europas auf eine Fremdsprache für alle kann nicht unser Ziel sein. Die Europäische Union hat sich ausdrücklich die Zwei- oder Mehrsprachigkeit für eine substantielle Zahle ihrer Bürger zum Ziel gesetzt. Die Union will kein Einheitsstaat mit einer einheitlichen Sprache werden. In ihrer sprachlichen und kulturellen Vielfalt liegt eine ihrer Besonderheiten, die zugleich eine Stärke ist. Daher sind konsequenterweise auch alle Sprachen der Mitgliedstaaten Amtssprachen der Union.

Tschechien als Land an der Grenze zwischen zwei großen Sprachfamilien mit einer alten Tradition der Mehrsprachigkeit nimmt schon heute einen besonders qualifizierten Platz in der Reihe der Mitgliedstaaten mit hochentwickelten Fremdsprachenkenntnissen ein.

Die Devise von Amos Comenius, „Kolik jazyků umíš, tolikrát jsi člověkem“, sollte hier, in der Mitte Europas, gelebte Realität bleiben, wie sie es seit Jahrhunderten ist.

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